„Weil es nicht lediglich um das Bewusstsein, sondern um das Sein geht, bleibt das biblische Tatsachenevangelium Grund des Glaubens.“ Mit diesen Worten fasste Prof. Dr. Rolf Hille Ende Januar seine Abschiedsvorlesung an der FTH über Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher zusammen. Hille lehrte als Honorarprofessur seit 2013 Systematische Theologie an der FTH und wurde nun in den Ruhestand verabschiedet. Er wird weiterhin als Berater und Emeritus der FTH verbunden bleiben.

In seiner gewohnt kompetenten, tiefgehenden und zugleich praxisnahen Art zeigte Hille auf, welchen weitreichenden Einfluss Schleiermacher als „Vordenker des protestantischen Liberalismus und der interreligiösen Religionstheologie“ bis heute habe. Sein Wahrheitspluralismus sei einer der entscheidenden Wegbereiter des postmodernen Relativismus gewesen, so Hille.

Schleiermacher, der als junger Student am Theologischen Seminar der Herrnhuter Brüdergemeine aufgrund persönlicher Zweifel seinen Glauben verlor, besaß ein „platonisch-idealistisches Religionsverständnis.“ In diesem seien die Weltreligionen lediglich geschichtliche Erscheinungsformen der einen Idee der Religion gewesen. Dadurch sei jede Religion immer lediglich „ein Teil des Ganzen“. Der Religionsbegriff Schleiermachers sei „nicht personal, sondern pantheistisch im Sinne Spinozas definiert.“ Er dezimiere den „exklusiven Offenbarungsanspruch des trinitarischen Gottes in der Geschichte Israels und in Jesus Christus“, so Hille. Damit werde die Heilige Schrift bei Schleiermacher als „ein Mausoleum der Religion“ abgetan. Das Wesen der Religion sei bei ihm immer nur „Anschauung und Gefühl“ gewesen – ein religiöses Bewusstsein. Die Konsequenzen eines solchen Ansatzes seien weitreichend: Ein „unbiblisch-optimistisches Menschenbild, das die zerstörerische Macht der Sünde verharmlost“; eine Spiritualisierung zentraler biblischer und dogmatischer Aussagen; eine Verneinung der zwei Naturen Jesu; eine Überhöhung des modernen Wissenschafts- und Kulturbegriffs; eine Reduktion des Kanons auf das Neue Testament; eine Verneinung der Möglichkeit, dass Bittgebete erhört werden sowie aller übernatürlichen Ereignisse, wie Jungfrauengeburt, Auferstehung und Himmelfahrt. Auch die Trinitätslehre sei laut Schleiermacher lediglich „ein gedankliches Konstrukt auf Widerruf.“ Hille mahnte, dass heute eine „Entschleierung“ nötig sei, da die Auflösung biblischer Heilstatsachen das Fundament des Glaubens zerstöre.

Der Rektor der FTH, Prof. Dr. Stephan Holthaus, dankte Prof. Hille für seinen Dienst an der FTH. Die Verbindung von Rechenschaft des Glaubens und fairem Dialog mit zeitgenössischen geistlichen Strömungen sowie seine Forderung nach persönlicher Frömmigkeit gepaart mit intellektueller Arbeit habe er der FTH ins Stammbuch geschrieben. Hilles Fachkollege, Prof. Dr. Christoph Raedel, hob in seiner Laudatio die hohe Fachkompetenz Hilles hervor, die sich in allen Lehrveranstaltungen gezeigt habe. Zudem seine Großzügigkeit, die nicht zuletzt in der Stiftung großer Teile seiner Privatbibliothek für die FTH sichtbar werde. Seine „großväterliche Art“ im Umgang mit den Studierenden sei immer sehr geschätzt worden, ebenso sein einzigartiges Bemühen um die evangelikale Bewegung in Deutschland und weltweit.